Einleitung und Vorgeschichte Als Geburtsstunde der Ägyptologie wird der 22. September 1822 angegeben, an dem erstmals schriftlich die Ergebnisse der Sprachanlysen von Jean - Francois Champollion festgehalten wurde. Ihm gelang es als ersten, den berühmten Drei - Sprachen - Stein von Rosette zu entschlüsseln. Vor der Entzifferung der Hieroglyphenschrift wusste man über die altägyptische Medizin nur, was altägyptische Mumien enthüllten. Ausser den Mumien wiesen nur noch in Grabungen gefundene chirurgische Instrumente auf die altägyptische Medizin hin. Dabei ist die Zuweisung der einzelnen Instrumente immer noch Gegenstand zahlreicher Kontroversen, wie auch hier beim sog. Instrumentenschrank am Tempel von Kom Ombo.
Während der prädynastischen Periode formierten sich zwei Königreiche. Das Unterägyptische Reich zeigte bald die Tendenz zu einer urbanen Kultur. Bedeutende einzelne Handelszentren kristallisierten sich heraus, öffneten sich zum Meer und fanden in ihren rivalisierenden Interessen Anlass für Auseinandersetzungen. Demgegenüber war das Oberägyptische Reich feudalistisch organisiert, wobei der Zusammenhalt der einzelnen Herrschaften schon bald zu einem mächtigen Einheitsstaat führte. So begann um 3200 v. Chr. mit Narmer (nach griechischer Tradition: Menes), dem ersten Pharao, dessen Name von den alten Texten und Dokumenten überliefert wird, die Vereinigung von Ober- und Unterägypten und die dynastische Geschichte dieses Reiches.
Aufgrund seines traditionsorientierten Wesens hat der Ägypter einen tiefen Respekt vor alten Texten. Hierin liegt die Ursache dafür, dass die meisten uns überlieferten medizinischen Dokumente Kopien sehr alter Abhandlungen darstellen, selbst wenn sie aus jüngerer Zeit, wie dem Neuen Reich (1650-1070 v. Chr.; 17. und 18. Dynastie), stammen. Es sieht so aus, als sei die ägyptische Medizin in sehr früher Zeit, vielleicht noch vor der prädynastischen Periode, entstanden und danach, abgesehen von einigen unbedeutenden Varianten, keiner weiteren Veränderung unterworfen worden.
Wir verdanken den griechischen Reiseschriftstellern Herodot, Diodor von Sizilien und Strabo einige Hinweise zur materiellen Organisation der Medizin; zwar gibt das Alte Testament erhellende Auskünfte über Geburtspraktiken, Beschneidung und Epidemien; dennoch erlangen wir von den Ägyptern selbst die grundlegenden Kenntnisse über ihre medizinische Praxis. Allerdings sind die Dokumente nicht sehr zahlreich und von unterschiedlichem Wert. Durch eine Inschrift aus der 5. Dynastie (2470-2320 v. Chr.) wissen wir, daß die Ärzte schon damals über Papyri fachwissenschaftlichen Inhalts verfügt haben. Als sein Chefarchitekt, Uash-Ptah, erkrankt war, rief der Pharao Neferirkarer den obersten der Ärzte herbei und »befahl, die Truhe mit den Büchern zu bringen«.
Neben den eigentlichen medizinischen Texten gibt es aber auch andere Quellen auf Papyri oder Ostraka (Scherben zerbrochener Gefäße, die in der Antike zum Beschreiben verwendet wurden) geschriebenen Briefe, keilförmige Tontäfelchen, die die Absendung eines heilungsfähigen Standbildes ankündigen, sowie an Grabstelen, die uns Informationen über die gesellschaftliche Stellung bestimmter Ärzte liefern. Die Untersuchung der Statuen, der Reliefs und der Wandmalereien klärt uns über den Gesundheitszustand der Bevölkerung des Landes auf.
Aber erst bei der Untersuchung der Mumien entschleiert sich uns die Pathologie dieser Zeit. Wenn sie von ihren Bandagen befreit, geröntgt, endoskopiert, Stück für Stück unter dem Mikroskop geprüft und nach den heute praktizierten modernsten Techniken der Biochemie analysiert worden sind, offenbaren sich die Erkrankungen: unglaubliche Schäden an den Zähnen und in der Mundhöhle, Silikose, Pocken, Gallen- und Nierensteine, abgeklungene Blinddarmentzündungen, Pneumonien, das Vorhandensein von Bilharzia-Eiern sowie vor allem verschiedenartige Läsionen der Knochen und der Gelenke.
Die ägyptische Medizin war nicht ganz ohne Vermächtnis. Es bestehen bestimmte Beziehungen zwischen ihr und der hebräischen Heilkunst, wie die Geburtspraxis, die Beschneidung und gewisse Analogien in der Terminologie. Mit dem Verb »betrachten« wurde von den Ägyptern wie den Hebräern die Untersuchung des Kranken bezeichnet. Die Hautkrankheit mit dem biblischen Namen Schechin hieß in Ägypten Sechem. Die Wörter qu ah im Buch Levitikus und qaa im Papyrus Ebers bezeichnen beide den Vorgang des Erbrechens.
Die vorhippokratischen Schulen von Rhodos, Kos und Knidos sowie von Samos und Kroton haben zumindest einige Elemente aus der ägyptischen Theorie und Praxis der Heilkunst übernommen: die Herkunft des Spermas aus den Knochen, die Hippos von Samos angenommen hat, die aber später durch Alkmäon von Kroton geleugnet wurde; ferner die Lehre von den krankmachenden Substanzen - Ukhedu bei den Ägyptern, Perittoma in der Schule von Knidos -, die in den Fäkalien entstehen und in die Blutgefäße gelangen. Hippokrates ist offensichtlich vom »Traktat über das Herz und die Gefäße« beeinflußt. Man findet bei ihm Prognosen über den Verlauf der Geburt, die in direkter Linie aus dem Papyrus Carlsberg stammen.
Die hellenistische Medizin, die sich während der Ptolemäerherrschaft im intellektuellen Schmelztiegel von Alexandria herausbildet, hat kaum noch etwas mit der überkommenen ägyptischen Heilkunst zu tun. Mit ihr wird ein neues Kapitel im großen Buch der Geschichte der Menschheit aufgeschlagen, eine andersartige Kultur nimmt ihren Anfang.
Abb.1: Jean - Francois Champollion (1790 - 1832) Abb. 2: Der dreisprachige Rosette - Stein, Kopie im Ägyptischen Museum, Kairo Abb. 3: Beispiel aus der Grammatik von Champollion; Die Schreibrichtung des Hieratischen ist von rechts nach links

Die Dokumente - Papyrii 13 medizinische Papyri sind bis heute bekannt, von unterschiedlicher Länge, Inhalt, Qualität und Alter. Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Zaubertexte mit mehr oder weniger medizinischem Inhalt. Die Schrift dieser Papyri ist Hieratisch, also die kursive verbundene Gebrauchsschrift der Alten Ägypter, die sich von der klassischen Hieroglyphenschrift etwa so unterscheidet wie eine heutige Handschrift von der Druckschrift. Bei diesen Papyri kann man zwischen Sammelhandschriften und Fachbüchern unterscheiden. Der Papyrus Ebers stellt das älteste bekannte »Buch« dar. Er stammt aus einer Raubgrabung und konnte durch den Ägyptologen Georg Ebers im Jahr 1872 um eine hohe Geldsumme für das Museum der Stadt Leipzig erworben werden, wo er sich noch heute befindet. Er datiert vom Beginn der 17. Dynastie (1650-1552 v. Chr.) und ist außerdem der umfangreichste Papyrus, den wir besitzen. Auf gut zwanzig Metern enthält er einhundertacht Spalten mit Rezepten und anderen kurzen Texten, die manchmal keine erkennbare Ordnung aufweisen. Ein Großteil kopiert Werke des Alten Reiches (2660-2160 v. Chr.; 3. bis 6. Dynastie), andere Vorschriften stellen persönliche Beiträge des Schreibers dar.
Anders ist die Sachlage beim Papyrus Edwin Smith, den man als Vorläufer der Traktate zur Traumatologie ansehen kann. Smiths einziges Verdienst besteht darin, diesen Papyrus mit seinen Mitteln erstanden zu haben, denn erst nach seinem Tod konnte seine Schwester im Jahre 1906 das Werk J.H. Breasted zur Übersetzung und Veröffentlichung anvertrauen. Dieser Papyrus ist nur 4,68 Meter lang. Er stammt vermutlich ebenfalls aus der 17. Dynastie, stellt aber die Kopie eines Textes dar, der ohne Zweifel älter ist als der dem Papyrus Ebers zugrunde liegende. Abgesehen von den Beschwörungsformeln gegen die Pest und den kosmetischen Rezepten ist dieses Werk ganz der Wundheilkunde gewidmet. Achtundvierzig Kapitel, von denen jedes eine Überschrift in roter Tinte trägt, beschreiben der Zeit entsprechend Verletzungen des weichen Gewebes, Verrenkungen sowie Frakturen am Schädel, im Gesichts- und Halsbereich und im Bereich des Oberarms und der Halswirbel.
Beispiele für Fachbücher sind der Papyrus Kahun für Gynäkologie, der Papyrus Ramesseum V mit Rezepten gegen Versteifungen und Verkrümmungen der Muskelstränge und Gelenke, Papyrus Beatty VI für Einläufe gegen Erkrankungen des Leibes. Somit besitzen wir also bereits 4 der 6 von Clemens Alexandrinus erwähnten Bücher. Daneben aber auch vieles andere, z. B ein Buch zur Behandlung von Schlangenbissen, Schwangerschaftstests, Geburtsprognosen, oder sogar einen Papyrus über Veterinärmedizin. Ausserdem erstaunlich viele Schönheitsrezepte, wie Mittel gegen Ergrauen, gegen Falten, gegen Mundgeruch oder zur Haarentfernung.
Abb. 4: Ausschnitt aus dem Papyrus Ebers; Abb. 5: Niederschrift einer Übersetzung aus dem Papyrus Ebers; Abb. 6: Fragment des Papyrus Edwin Smith über Chirurgie, der sich mit Nasenwunden und Kieferbrüchen beschäftigt, um 1500 vor Christus 
Medizin - Magie - ZaubereiDie Alten Ägypter nannten die Medizin „die notwendige Kunst“. Dennoch wurde die altägyptische Medizin in der Ägyptologie lange mit Zauberei und Magie gleichgesetzt. Wahrscheinlicher ist aber, dass Zauberei und Rituale die Medizin nicht ersetzte, sondern ergänzte und verstärkte. Es gibt sogar Zeugnisse dafür, dass Patienten nacheinander von einem Arzt, einem Priester und einem Zauberer untersucht wurden. So enthalten auch die streng medizinischen Papyri Begleitsprüche, die z. B. beim Lösen eines Verbandes oder bei Einnahme einer Medizin rezitiert werden sollten. Im Papyrus Ebers wird das Verhältnis zwischen Magie und Medizin im Alten Ägypten am treffendsten beschrieben, dort heisst es:“Wirksam ist der Zauber (nur) zusammen mit dem Heilmittel, wirksam ist das Heilmittel (nur) zusammen mit dem Zauber“. Auch die verschiedenen Titel der Ärzte machen die Verbindung zw. Priestertum, Magie und Medizin deutlich, so trägt z. B. Herischefnacht den Titel Oberster der Magier, Hohepriester der Sachmet und Pharaos Arzt. Die meisten Ärzte tragen zusätzlich noch den Titel eines Priesters der Sachmet. Wohl darum, weil diese löwenköpfige Göttin, die in einem Mythos die Menschen auffrass, Krankheiten über diese bringen konnte. Verehrt wurde sie deshalb zuerst aus Furcht, schliesslich wurde sie aber zur gütigen und heilbringenden Göttin, wie sie ja auch im Mythos durch Wein besänftigt zur zahmen Katze wurde. Ihre Abbildung im Sahure-Tempel vollbrachte angeblich Wunder. Aber Sachmet war nicht die einzige Heilgottheit: Der Gott Thot, der als Pavian oder Ibis dargestellt wurde, war eigenlich der Gott des Schreibens, des Messens und der Weisheit, aber auch Herr der Geheimnisse und damit geheimer Heilsprüche. Der schon erwähnte Clemens Alexandrinus schreibt ihm die Autorenschaft an einem 42-Bändigem Werk zu. Ausserdem erwähnt Plinius, eine Legende, in der der Ibis seinen Schnabel zur Reinigung seines Darms benutzte und so das Klistier erfand. Die Griechen identifizierten Thot später mit Hermes Trismegistos. Die Göttin Isis galt immer als grosse Zauberin, sie war es, die ihren toten Gatten Osiris wieder zum Leben erweckte, um von ihm einem Sohn Horus zu empfangen. Da jeder Ägypter zu einem Osiris wurde nach dem Tode, wurde diese Reanimation nachgespielt durch das sogenannte Mundöffnungsritual an der Mumie. So war auch jede kranke Person Osiris und konnte durch Isis geheilt werden. Im Gegensatz dazu war der Mörder des Osiris, dessen Bruder Seth, Symbol des Bösen und Verursacher von Krankheiten und Epidemien. Dieser Seth war es auch, der seinem Neffen Horus, eben jenem posthum gezeugten Sohn von Isis und Osiris, ein Auge ausstach. Unter dem Schutz von Thot wurde das Auge des Horus wieder geheilt und galt fortan als Symbol für Heil (wie auch die Hieroglyphe des Horusauges wdja „heil sein“ heisst). Augenärzte standen deshalb unter der besonderen Schirmherrschaft des Thot. Die nilpferdgestaltige Göttin Taweret wachte über die Geburt (wohl wegen ihrer Figur) und Ärzte, die mit Nadeln hantierten, stellten sich - ganz logisch - unter den Schutz der Skorpiongöttin Selkis. Die Ägypter beteten also zu vielen Göttern, wenn es um Heilung ging und nicht wie die Griechen zu einem einzigen Gott wie Äskulap. In späterer Zeit jedoch erreichte aber doch ein Gott, der eigentlich ein Mensch war, den Status eines Heilgottes. Dieser Mann mit Namen Imhotep war im Alten Reich also im 3. Jahrtausend vor Christus Architekt des Pharao Djoser und Erbauer von dessen Pyramide - übrigens der ersten - gewesen. Unter seinen Titeln war auch der eines Arztes. In späterer Zeit wurde er mit Äskulap gleichgesetzt und somit als Heilgott verehrt. (Übrigens wurde bisher trotz redlicher Bemühung weder sein Grab noch seine eingangs erwähnte Bibliothek gefunden). Die Organisation des GesundheitswesensDie Lehrzeit der Ärzte war hart und langwierig: Jahrelang lernten sie in Tempelschulen die Kunst der Befragung, Untersuchung und Palpation (Abtasten des menschlichen Körpers). Die Ausbildung, wenn man sie so bezeichnen mag, wurde den künftigen Ärzten im »Haus des Lebens« vermittelt. Es handelte sich hierbei mehr um eine Bibliothek als um eine Schule. Schreiber und Gelehrte kopierten unaufhörlich die alten Texte. Dies erklärt zweifellos die relative Unbeweglichkeit der ägyptischen Medizin. Neben dem Sunu, dem Arzt für allgemeine Erkrankungen, findet man Augenärzte und Spezialisten für Krankheiten des Unterleibes. Einige Personen schmückten sich mit dem seltsamen Titel »Hüter des Afters«. Da es sich hierbei ebenfalls um Mediziner handelt, drängt sich eine Nähe zum Papyrus Chester Beatty auf, dem Traktat über die Krankheiten des Afters. So können wir annehmen, dass wir es mit Proktologen zu tun haben. Der »Arzt für verborgene Krankheiten« entsprach vielleicht unserem Internisten, aber das ist eine reine Hypothese. Auch die Dentisten trugen den Titel eines Arztes, wenngleich ihre Erfolge, weit hinter ihren guten Absichten zurückblieben. Wir haben viele Belege dafür, dass die Priester der löwenköpfigen Göttin Sekhmet Ärzte waren. Die gesamte Körperschaft der Mediziner war hierarchisch aufgebaut. Es gab »Oberärzte«, »Aufseher der Ärzte«, »Vorsteher der Ärzte« sowie »Anführer der Ärzte«. Die Spezialisten konnten ihrem Ausgangstitel noch den Grad, den sie innerhalb dieser Hierarchie innehatten, hinzufügen. Da es Hofärzte gab, existierten hier ähnliche Unterscheidungen. So wissen wir von königlichen Ärzten, dem Aufseher und dem Vorsteher der königlichen Ärzteschaft. Es ist unklar, ob eine Beförderung von den Verdiensten oder vom Alter abhängig war. Aber ein Volksarzt konnte auch königlicher Arzt werden. Ein medizinisches Hilfskorps war im ägyptischen Militär unbekannt. Es gab jedoch Arbeitsmediziner wie den »Arzt der Leibeigenen«, den »Aufseher der Ärzte der Nekropole von Theben«, den »Arzt des Grabtempels« sowie Ärzte selbst für die Bergwerke und Steinbrüche. Belege für die Existenz von Pharmazeuten besitzen wir nicht. Was die Helfer des Arztes, nämlich Pfleger, Krankenwärter und Masseure betrifft, so ist deren Existenz durch nichts belegt. Diese Funktionen waren vermutlich der Privatinitiative überlassen. Der Arzt wurde für seine Bemühungen in Naturalien entlohnt. In einem Papyrus mit der Aufstellung der Warenzuteilungen an die Arbeiter der Totenstadt unter Ramses II. lesen wir: »2 Khar Korn für 2 Schreiber, 3 Khar für einen Töpfer, 1 Khar für einen Arzt.« Aber wir sehen auch, dass hoch angesehene Praktiker von ausländischen Fürsten beträchtliche Honorare in Form von Vieh, Edelmetallen und Frauen erhielten. Außerdem schenkte der Pharao zuweilen einigen seiner Ärzte Goldschmuck.
Abb.7: Der Pharao vor dem falkenköpfigen Horus. Dieser trägt die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens, hält in der rechten Hand den Stab des langen Lebens und in der linken den Nilschlüssel, das Symbol des ewigen Lebens. Grab des Horemheb. Abb. 8: Der Gott Thot dargestellt als Pavian mit einer Mondscheibe am Kopf, Ägyptenm ca. 4. Jh. v. Chr. Abb. 9: Peft Moneith, Arzt und hoher Staatsbeamter zur Regierungszeit des Amasis. Statue aus grauem Granit, Abydos, 550 v. Chr. 
Die grundlegenden KenntnisseObwohl die Mumifizierungstechnik hoch entwickelt war und Millionen von Leichen diesem Verfahren unterworfen wurden, besaßen die ägyptischen Ärzte lediglich geringe anatomische Kenntnisse. Tatsächlich nahmen sie nicht an der Einbalsamierung teil, die einer anderen Berufsgruppe vorbehalten war. Nach Hermann Grapow und G. Lefèbvre reichten an die hundert Begriffe aus, um die verschiedenen Körperteile zu bezeichnen.
Der Knochen wurde Kes genannt, aber wir wissen nicht, ob es einen allgemeinen Terminus für das Skelett gegeben hat. Wir haben gesehen, dass mit Metu ohne genauere Unterscheidung die Muskeln, die Bänder, die Sehnen und selbst die Nerven bezeichnet wurden. Dieser Begriff umfasste sehr häufig auch das Gefäßsystem, die Venen und Arterien sowie die Ausscheidungskanäle. Die Haut, Inem, sonderte den Schweiß, Fedet, ab. Am Kopf wurde die Nomenklatur detaillierter. Man unterschied den Schädelknochen, das Hinterhaupt, Oberkiefer, Stirn, Gesichtsfläche, Schläfen und Wangen. Das Gehirn war bekannt, ebenso besaß man Kenntnisse über die es umgebenden Hirnhäute und sogar die Gehirnflüssigkeit: »Betrifft: Schädelbruch und Freilegung des Gehirns: diese Verletzung ist ernst, denn sie öffnet das Innere des Schädels bis zu der das Gehirn umhüllenden Haut; so wird die Flüssigkeit in das Innere des Kopfes ausgegossen« (Smith, II, 23-25). Die sieben Öffnungen des Kopfes wurden mit spezifischen Namen bezeichnet, wobei man bei der Nase sogar zwischen der Wurzel, der Spitze, den Nasenlöchern, der Nasenscheidewand und den einzelnen Knochen unterschied.
Der Brustkorb wurde von dem Brustbein und den Rippen begrenzt und im unteren Teil durch das Zwerchfell, Notenet, abgeschlossen. Der Rücken, Pesed, wurde durch die aus Wirbeln zusammengesetzte Wirbelsäule gestützt. Sie hieß Tjes en pesed, was wörtlich übersetzt »Knoten im Rücken« bedeutet. Das Rückenmark, dessen Rolle unbekannt war, wurde Bekesu oder Imakh genannt.
Der Unterleib umfasste die Leber, Miset, die die Gallenflüssigkeit, Benef oder Uëded absonderte, ferner den Magen, der mit dem Begriff Ro en ib, das heißt »Mund des Herzens« bezeichnet wurde. Milz, Bauchspeicheldrüse, Dickdarm, Dünndarm, Rektum und After sowie die Harnblase vervollständigten die Terminologie der Unterleibsorgane. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Geschlechtsorgane wurden minutiös mit detaillierten Begriffen beschrieben. Das Schriftzeichen für den Phallus, Met, erhielt in der Hieroglyphenschrift einen eigenen phonetischen Wert, der sich von der bildhaften Bedeutung unterschied. Wenn das männliche Glied Sperma ausstieß oder Wasser ließ, wurde es Bah genannt. So wie wir von einem Kind sagen, es sei noch im Bauch der Mutter, so wurde das Wort Khet ohne Unterschied für den Unterleib wie für die Gebärmutter gebraucht. Der Erstgeborene, Up khet, war »jener, der den Bauch seiner Mutter öffnete«. Der die Vagina bezeichnende Begriff Kat wurde, wie auch in anderen Sprachen, als Schimpfwort gebraucht. Das Herz und die Gefäße sind im Papyrus Ebers Gegenstand einer eigenen Abhandlung. Das Herz wird in den anatomischen Aufstellungen Haty genannt, heißt aber Ib in den liturgischen oder schöngeistigen Texten. Es galt als Sitz der Seele. Die Einbalsamierer durften es niemals herausreißen, wenn sie die Leiche mumifizierten.
In dem Kapitel »Grundlage des ärztlichen Geheimnisses: das Wissen über die Bewegung des Herzens und die Kenntnis des Herzens selbst« aus dem Papyrus Ebers (99, 1-12) erfahren wir, dass der Ägypter einen Zusammenhang zwischen den Herzschlägen und dem peripheren Puls gesehen hat. Das Herz bildet somit das zentrale Organ. Es liegt unter der linken Brust, kann aber durch die Schläge etwas verschoben werden. Es ist dies der »Tanz des Herzens«. Die Ägypter fühlten zwar den Puls, mit Sicherheit jedoch zählten sie nicht die Schläge.
Im allgemeinen wurde die wesentliche Ursache der Krankheit in den Ukhedu gesehen, den von der Fäkalmasse ausgehenden Stoffen, die sich in den Organen ausbreiten und die verschiedenen Partien des Körpers erreichen, um hier die Krankheit auszulösen. Die Ukhedu stellten pathogen gewordene Exkremente (Hesu) des Körpers dar, etwas Analoges zum Aristotelischen Perittoma.
Ebenso begriff man die Würmer zu Beginn bestimmter Erkrankungen nicht als die sichtbaren und bekannten Darmparasiten, sondern als eine imaginäre, unbekannte Grundursache: »Ein Schreiber ist hier bei mir. Jeder Muskel seines Gesichts ist angespannt, die Krankheit Ushetat hat sich in seinem Auge entwickelt, und der Wurm sprießt aus seinem Munde. Ich kann ihn nicht seinem Schicksal überlassen« (Papyrus Anastasi, IV, 12, 5-13, 8). Abb.10: Kopf einer ägyptischen Mumie Abb. 11: Zusammenstellung der verschiedenen Instrumente für die rituelle Öffnung des Mundes (reliefartige Darstellung). Abb. 12: Die wohl bekannteste Mumie ist die von Ramses dem Zweiten, die erstmals von dem Anatomen Dr. Derry in Kairo untersucht wurde. Abb. 13: Chirurgisches Besteck aus Bronze in Ägypten von Clot Bey gefunden - Schenkung J. Cloquet 1850. Von links nach rechts: Messer, Küretten, Nadel Sondiernadeln, Operationsbesteck. Nach dreitausend Jahren ist die Funktion die gleiche geblieben, allein die Form ist verfeinert worden. 
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Christian KreuzerLeiter des Zahntechnischen Labors an der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Allgemeinen öffentlichen Krankenhaus der Stadt Linz.
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